Artikel X #4 Artikel 4 – Die Beschränkung auf Glaube und Gewissen genügt nicht

Shownotes

Dieses Feature von Viviane Koppelmann führt uns durch die Entstehungsgeschichte des Deutschen Grundgesetzes und lässt dabei die Mütter und Väter des Grundgesetzes zu Wort kommen. Sie ringen dabei um jedes einzelne Wort und versuchen das Beste und Eindeutigste für die deutsche Nachkriegsgesellschaft herauszuarbeiten.

Das Thema Glaube wird dabei sowohl in der deutschen Geschichte als auch in unserer heutigen Zeit thematisiert – und warum das Grundgesetz und Artikel 4 nach wie vor einen großen Einfluss haben und was das mit einem vollen Fußballstadion oder einer Scheibe Brot zu tun hat.

Eva Schulz und Florentin Will führen – begleitet von atmosphärischer Stimmung und historischen Zitaten des Parlamentarischen Rates – durch diesen dichten Ritt der Geschichte.

Was bedeutet das Grundgesetz für unsere Gesellschaft? Mit einem einzigartigen Experiment machen wir aus trockener Theorie aufklärendes Entertainment: 11 Autor:innen, 11 Geschichten - vom journalistischen Essay bis hin zum packenden Thriller-Hörspiel.

Credits

Artikel X – Das Grundgesetz in 11 Geschichten

Eine Idee von Josef Ulbig

Artikel 4 – Die Beschränkung auf Glaube und Gewissen genügt nicht

Es sprachen: Eva Schulz und Florentin Will.

Sowie: Elmar Gutmann, Hansa Czypionka, Bert Franzke, Stefan Gossler, Axel Lutter, Santiago Ziesmer, Luise Helm, Milton Welsh, Gregor Höppner, Jürgen Kluckert, Roman Roth, Asad Schwarz Msesilamba, Gabriele Blum, Johannes Klaußner, Michael Iwannek und Heribert Prantl.

Intro und Credits: Maja Maneiro und Carsten Wilhelm.

Geschrieben von: Viviane Koppelmann

Aufnahmeleitung: Nina Steiger

Aufnahme: Max Mielke

Satz und Sounddesign: Robert Lehnert

Mischung: Valentin Rövenstrunck

Regie: Josef Ulbig

Produzent FYEO: Tristan Lehmann

Gesamtleitung FYEO: Luca Hirschfeld und Tristan Lehmann

„Artikel X – Das Grundgesetz in 11 Geschichten“ ist ein FYEO Original von Das Hörspielstudio XBerg.

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Transkript anzeigen

00:00:01: Hier ist

00:00:01: Bonn.

00:00:02: Heute sind die Blicke der ganzen

00:00:05: Welt!

00:00:11: Artikel

00:00:12: X. Das

00:00:13: Grundgesetz in elf

00:00:18: Geschichten.

00:00:19: Es tritt

00:00:20: mit Ablauf

00:00:24: des heutigen

00:00:27: Tages

00:00:29: in Kraft!

00:00:55: Lasset uns beten,

00:00:57: allmächtiger Gott du gibst

00:00:59: uns...

00:00:59: Das kennen sicherlich die Allermeisten hier von uns.

00:01:02: eine christliche Messe

00:01:04: Weihrauch, Kerzen, Weihnachten.

00:01:07: Denkt ja auch irgendwie alles zusammen.

00:01:09: Unser Stadtbild ist ohne Kirchen und dem weiten hörbaren Glockenschlag eigentlich nicht vorstellbar.

00:01:13: Und so prägt diese Religion unsere Wahrnehmung seit dem Mittelalter.

00:01:19: Aber natürlich sind uns auch die Gebete anderer Religionen wie Judentum, Islam oder auch hinduistische Gebete nicht fremd.

00:01:25: Im Gegenteil es gibt Gotteshäuser aller großen Religionen in zumindest jeder deutschen Großstadt.

00:01:31: auf reisenden anderen Ländern haben wir viele Religionen an anderen Konstellationen

00:01:34: erlebt.

00:01:36: und selbst wenn wir uns größtenteils gar nicht als Gläubige sondern als konfessionslos sehen ist die Religionsfreiheit eines unserer höchsten Güter und erscheint für uns vollkommen normal dass jeder seiner Religion nachgehen darf oder eben auch bewusst sich keine Religion zugehörig fühlt.

00:01:51: Zumindest heute, denn die Menschen in Deutschland hatten nicht immer eine Glaubens- und Religionsfreiheit.

00:01:56: Noch in der Nazi Zeit wurden Menschen besonders Juden wegen ihrer Religion verfolgt und ermordet.

00:02:01: Nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Entstehung des deutschen Grundgesetzes änderte sich das

00:02:06: Und wir atmen tief

00:02:08: ein.

00:02:08: Es ging damals vor allem um die Freiheit, unsere ganz eigenen religiösen oder weltanschaulichen Vorstellungen individuell umsetzen zu können ohne Angst vom Staat deswegen verfolgte der Bestraft zu werden und das wurde mit dem Grundgesetz gesetzlich geregelt und gewährleistet.

00:02:25: Doch was heute Yoga Stunden eine Scheibe Brot oder auch ein volles Fußballstadion damit zu tun haben wollen wir uns einmal genauer ansehen.

00:02:34: Gemeinsam werfen wir einen Blick in die Vergangenheit und schauen uns an, wieso der Artikel überhaupt ins Grundgesetz kam – und wie er eigentlich entstanden

00:02:41: ist.

00:02:52: So verstehen wir vielleicht viel besser unter welchen Umständen das Grundgesetz entstand und welche Bedeutung es heute noch für jeden von uns hat!

00:02:58: Denn jeder Artikel des Grundgesetzes entstand oder der Prämisse, die Rechte der Bürgerinnen und Bürger bestmöglich zu schützen.

00:03:04: Nie wieder sollte jemand aufgrund seiner Herkunft, Religion oder Weltsicht verfolgt und um seine bürgerlichen Rechte gebracht

00:03:10: werden.".

00:03:11: Die Väter-und Mütter des Grund Gesetzes waren sich einig!

00:03:14: Nach den Schrecken der Naziherrschaft sollte eine derartige Machtergreifung und eine Diktatur nie mehr möglich sein.

00:03:20: Sie wollten eine demokratische Verfassung schaffen, die den Bürgern dient – nicht dem Staat.

00:03:25: Aber spielen Religion und das Ausüben von Glauben in einer säkulären Gesellschaft wie unserer heute überhaupt noch eine Rolle?

00:03:31: Oder ist die Sicherung eben dieses Grundrechts nicht längst überholt.

00:03:35: Und was gleich nochmal hatten, volles Fußballstadion damit zu tun?

00:03:40: Die Beschränkung auf Glaube und Gewissen genügt nicht!

00:03:43: Das lange Ringen des parlamentarischen Raas um Artikel vier des deutschen Grundgesetzes – ein Feature von Viviane Koppelmann.

00:04:06: Heute, am XXIII.

00:04:08: Mai, aus dem Jahr und seitdem derzeit einen neuen Abschnitt in der wechselvollen Geschichte unseres

00:04:17: Volkes

00:04:18: beginnt.

00:04:19: Heute wird nach der Unterzeichnung und Verkündung des Grundgesetzes die Bundesrepublik Deutschland in die Geschichte eintreten.

00:04:31: Wir sind uns alle klar darüber, was das bedeutet.

00:04:36: Wer die Jahre seit nineteenhundertdreiunddreißig bewusst erlebt hat, wer den völligen Zusammenbruch im Jahr nineteenhundetfünfundvierzig mitgemacht hat.

00:04:50: Wer bewusst erlebt hatte wie die ganze staatliche Gewalt seit nineteen hundertvierundvierzicht von den Alliierten übernommen worden ist

00:05:01: der

00:05:02: denkt bewegten Herzens daran dass heute mit dem Ablauf dieses Tages das neue Deutschland entsteht.

00:05:27: Das vom Parlamentarischen Rat, der arbeitete und am XXIII.

00:05:30: Mai, forty-neunundvierzig verkündete Grundgesetz betonte den provisorischen Charakter dieser Staatsbildung und vermied bewusst den staatsrechtlichen Begriff Verfassung.

00:05:38: Auch weil dieser Staat unter schwierigen Bedingungen gegründet wurde und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine historische Erblast mit sich trug.

00:05:45: Gerade deshalb sollte er immerwährenden Schutz und die Garantie für die Achtung und Wahrung der Grundrechte bieten.

00:05:50: Von nun an sollten Recht, Gesetz und alles staatliche Handeln den Normen der Grundregte unterworfen werden.

00:05:56: Für den Parlamentarischen Rat bedeutete dies sich sowohl an die Tradition moderner westlicher Verfassungs- und Grundrechtsideen zu orientieren, und gleichzeitig verfassungsrechtliche und politische Lehren aus der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Diktatur zu ziehen.

00:06:10: Die Würde des Menschen sollte wieder in den Mittelpunkt allen politischen und gesellschaftlichen Handelns gestellt werden...

00:06:16: ...und diesen so gegen Übergriffe staatlicher Obrigkeit bestmöglich zu schützen!

00:06:20: Zudem sah diese neue Verfassung vor, das Recht auf persönliche Freiheit, Auf Unversehrtheit des Lebens, Ehre und Unverletzlichkeit des Eigentums zu gewährleisten.

00:06:30: Mehr als siebzig Jahre erfuhr die Bundesrepublik daraufhin in Mitten Europas eine historisch einzigartige lange Epoche der Friedens der Demokratie und gelebter Menschenrechte.

00:06:38: Dies ist auch ein Verdienst ihrer Verfassung – Das Grundgesetz hat sich also bewährt!

00:06:43: Mit der Einheit-Ninzehundertneunzig wurde es faktisch zur Verfassung des wiedervereinigten Deutschlands.

00:06:48: Aus dem Provisorium wurde ein Definitivum.

00:06:51: Doch das war historisch alles andere als selbstverständlich.

00:07:05: So

00:07:09: erinnerte sich der Sozialdemokrat und stellvertretendes Staatspräsident des Landes Wiltenberg-Hohenzollern Carlo Schmidt.

00:07:15: Später an den Auftakt der Arbeiten am künftigen Grundgesetz, am ersten September, in Bonn im Naturkundemuseum König.

00:07:23: In der Halle dieses inmächtigen Quartern hochgeführten Gebäudes standen wir unter den Länderfahren.

00:07:29: Rings umgeben von ausgestopften Getier aus aller Welt.

00:07:33: Unter den Bären, Schimpansen, Gorillas und anderen Exemplaren exotischer Tierwelt kamen wir uns ein wenig verloren vor.

00:07:42: Die bezahre Umgebung ließ trotz der Beethovenischen Musik mit der die Feier eröffnet und beschlossen wurde keine rechte Feierlichkeit aufkommen.

00:07:51: Gleichgültig jedoch war keinem von uns zu Mutte.

00:08:05: Es bedurfte große Anstrengungen für die Schaffung einer neuen Verfassung nach Ende des Krieges.

00:08:10: Die

00:08:14: Bevölkerung war vor allem damit beschäftigt zu überleben und ihren beschwerlichen Alltag in den vom Krieg zerstörten Ruinen zu bestreiten.

00:08:20: Nicht eine politische Neuordnung stand im Vordergrund, sondern existenzielle Fragen wie...

00:08:25: Wie werde ich satt?

00:08:27: Wo kann ich wohnen?

00:08:29: Und wann und wie finde ich meine Familie wieder?

00:08:33: Die alliierten Bombenangriffe hatten Deutschland in einer Trummerlandschaft verwendet.

00:08:37: Viele Familien waren auf der Flucht getrennt worden, zahlreiche Menschen wurden immer noch

00:08:41: vermisst.

00:08:43: Nicht verwunderlich also, dass die Schaffung einer neuen Verfassung nicht auf dringend der deutschen Seite ausging.

00:08:48: Genau genommen nahmen sie in Großbritannien ihren Anfang – auf der Londoner Sechs-Mächte-Konferenz vom Februar bis zum Juni-Junis.

00:08:56: Teilnehmer waren die drei westlichen Besatzungsmächte sowie die Niederlande, Luxemburg und Belgien als Nachbarstaaten des besiegten Deutschlands.

00:09:03: Nach langen Ringen einigte man sich schließlich darauf, Westdeutschland den Erlass einer Verfassung zu gestatten.

00:09:10: In Ausführung der Londoner Empfehlung übergaben die Militär-Gouverneure der drei Westmächte den westdeutschen Ministerpräsidenten am ersten Juli, in Frankfurt am Main drei Dokumente, die das weitere Vorgehen festlegten.

00:09:22: Den Deutschen sollte zugestanden werden so Lucius de Clay USA?

00:09:26: Ihren Teil dazu beizutragen, die augenblickliche Teilung Deutschlands wieder aufzuheben

00:09:32: Allerdings

00:09:33: nicht durch die Wiedererrichtungen eines zentralistischen

00:09:35: Reiches

00:09:35: sondern mittels einer föderativen Regierungsform.

00:09:39: Ergänzte Sir Brian Robertson, Großbritannien.

00:09:42: Diese soll die Rechte der einzelnen Staaten adäquat schützen und sieht gleichzeitig eine angemessene zentrale Gewalt vor – garantiert

00:09:51: die Rechten

00:09:52: und Freiheiten des Individuums.

00:09:54: Schloss Pierre-Kunik, Frankreich.

00:09:58: Hintergrund dieser Entwicklung war der kalte Krieg zwischen Ost und West, der eine gemeinsame Deutschlandpolitik der Siegermächter des Zweiten Weltkriegs unmöglich gemacht hatte.

00:10:06: In Verbindung mit einer Währungsreform und der Beteiligung Westdeutschlands am Marscheldplan sollte die Gründung eines westdeutschen Staates nun dazu beitragen, politische und wirtschaftliche Verhältnisse in Nachkriegs-Deutschland zu stabilisieren.

00:10:18: Zudem sollten sie die Beziehungen der drei Mächte zur einer künftigen deutschen Regierung regeln.

00:10:24: Über diese Frankfurter Dokumente berieten die Ministerpräsidenten der Bundesländer vom achten bis zehnten Juli, im Koblenzer Hotel Rittersturz.

00:10:32: Zunächst weigerten Sie sich aber den Forderungen der Alliierten zu entsprechen!

00:10:35: Die größte Befürchtung war, dass die Errichtung eines westdeutschen Staates die deutsche Teilung vertiefen und im schlimmsten Fall sogar endgültig manifestieren könnte.

00:10:45: Wenn es überhaupt einen solchen Staat geben sollte dann dürfe dieser nur ein Provisorium sein.

00:10:50: schon in der Namensgebung musste dies zum Ausdruck kommen.

00:10:52: Der Hamburger Bürgermeister Max Brauer regte daher an

00:10:56: unter diesen

00:10:56: Umständen sollten wir unsere neue Verfassung Grundgesetz

00:11:00: nennen.

00:11:02: Zudem empfehle ich die Versammlung

00:11:03: zur Ausarbeitung

00:11:04: dieses Grundgesetzes nicht Nationalversammlungen, sondern parlamentarischer Rat

00:11:09: zu benennen.

00:11:18: Im Anschluss daran entwarf innerhalb von zwei Wochen ein vorbereitender Verfassungskonvent Richtlinien für das Grundgesetz eines bundes-deutscher Länder auf föderalistischer und liberaler Grundlage.

00:11:29: Das fand auf Schloss Herren Kiemsee statt vom zehnten bis dreinzwanzigsten August,

00:11:35: Ihr Abschlussbericht bildete die Basis für die Arbeiten des Paralimentarischen Rates, der sich am ersten September in Bonn mit einem Festakt im Lichthof des Museums König erstmals feierlich zusammenfällt.

00:11:49: Wir beginnen mit dieser

00:11:51: Arbeit

00:11:52: in der Absicht

00:11:53: und dem festen Willen – einen Bau zu errichten, der am Ende ein gutes Haus für alle Deutschen werden soll!

00:12:02: Mit diesen Worten begrüßte Karl Arnold, der damalige Ministerpräsident Nordrhein-Westfalenz die Gäste im Museum König.

00:12:07: Es war eines der wenigen Gebäude in Bonn, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zerstört worden waren.

00:12:12: Arnold betonte in seiner Rede den provisorischen Charakter des Grundgesetzes.

00:12:16: Dass einer sachlichen

00:12:18: Kritik aus gesamtdeutscher

00:12:20: Schau

00:12:21: noch standhalten muss.

00:12:24: Ebenso Kalle Schmidt?

00:12:26: Das deutsche Volk aller Besatzungszonen hat den Willen, in Eintracht Recht und Freiheit in einem gemeinsamen Hause zu leben.

00:12:37: Um diese Option offenzuhalten darf somit der Status quo nicht juristisch verfestigt werden – auf jeden Fall aber muss was immer wir schaffen!

00:12:48: Den Charakter eines Provisoriums haben das nur so lange in Geltung bleiben soll als nicht dass ganze deutsche Volk die Möglichkeit gemeinsam den Staat aller Deutschen zu errichten.

00:13:03: Heute können wir kein endgültiges deutsches Haus bauen, sondern nur ein Notdach das uns für die Zeit des Übergangs Schutz

00:13:12: gewährt.".

00:13:15: Der Gedanke dass der Mensch von Geburt an unmittelbare und unveräußerliche Rechte besitzt sollte nun wie es CDU-Abgeordnete Adolf Süsterhen in der entsprechenden Debatte im Plenum unter Strich zum Kern der neuen Verfassung werden.

00:13:28: Höchstwert ist für uns die Freiheit und die Würde der menschlichen Persönlichkeit.

00:13:33: Ihnen hat der Staat zu dienen!

00:13:37: Der Staat ist nicht die Quelle allen Rechts, sondern selbst dem Recht unterworfen.

00:13:44: Es gibt vor- und überstaatliche Rechte, die sich aus der Natur und dem Wesen des Menschen ergeben.

00:13:51: Jede Staatsgewalt findet ihre Begrenzung an diesen natürlichen Gott gewollten Rechten des

00:13:58: Einzelnen.".

00:14:03: Viele der Abgeordneten des Parlamentarischen Rates hatten lange Parlamentserfahrungen.

00:14:07: Drei waren bereits Mitglieder der Weimarer Nationalversammlung, elf Mitglieder des Reichstags in Berlin gewesen und zweiundzwanzig hatten in der Weimacher Republik einen Landtag oder Provinzialandtag angehört.

00:14:18: Für alle galt, dass sie dem Nationalsozialismus ablehnt oder feindlich gegenübergestanden haben.

00:14:23: Viele waren im Dritten Reich aus politischen Gründen und aufgrund der Rassenideologie der Nazis verfolgt worden.

00:14:28: Mancher war in ein Konzentrationslager gebracht worden oder ins Ausland geflohen.

00:14:32: Diese Vorprägung brachten Sie in die Arbeit des Parlamentarischen Rates ein.

00:14:36: Wichtig war den Verfassungsschöpferinnen und Schöpfern im Bond zu jedem Zeitpunkt lehren, aus den Strukturproblemen der Weimarer Republik zu ziehen.

00:14:43: In der Festlegung des Grundcharakters des künftigen Grundgesetzes waren sie darum bemüht das Gespenst von Weimar zu banden.

00:14:49: Staat und Recht sollten auf das Ängste miteinander verbunden und der Rechtsstaat zum Angelpunkt der neuen Verfassung gemacht werden.

00:14:56: Die Mitglieder des Parlamentarischen Rates machten die individuellen Freiheits- und politischen Mitwirkungsrechte, die schon in der Paulskirchenverfassung vom XXVIII.

00:15:03: März, XLIV.

00:15:05: und in der Weimarer Reichsverfassung aus dem Jahr XIX verankert gewesen waren zum Herzstück des neuen Verfassungsstaates.

00:15:11: Nicht ohne Grund also wurden sie an den Anfang des Grundgesetzes gerückt und um Freiheits-, Gleichheitsrechte sowie um spezifische neue Rechte wie das Verbot rastischer Diskriminierung, Asylrecht, Schutz für Ausbürgerungen und Recht zur Kriegsdienstverweigerung erweitert.

00:15:26: Bis dato sah die in Deutschland vorherrschende Tradition, die Grundrechte als vom Staat ausgehend und durch den Staat gewährt an.

00:15:32: Doch das Grundrechtsverständnis des Parlamentarischen Rates orientierte sich an der Idee naturgegebener vorstaatlicher Menschenrechte im Sinne der amerikanischen Verfassungsväter.

00:15:54: Aufgrund dessen jeder einzelne Deutsche, jeder Bewohner unseres Landes vor den Gerichten soll Klage erheben können.

00:16:03: Diese Art des Schutzes des Bürgers vor staatlichen Übergriffen war revolutionär.

00:16:08: Erstmals in der Geschichte Deutschlands sollte eine Gesetzgebung den Rechten der Bürger dienen – nicht dem Erhalt der Staatsgewalt!

00:16:14: Das war einer der elementarsten Lehren nach der Nazi-Diktatur und im Zweiten Weltkrieg.

00:16:19: Der Selbsthelligkeit des Staates war mit der Entstehung des Grundgesetzes somit ein Ende gesetzt.

00:16:23: Aber nicht nur für das Verhältnis des Staats zum Bürger sind diese Grundrechte bemerkenswert, vielmehr bilden sie ein Wertesystem, dass als verfassungsrechtliche Werteentscheidungen für alle Bereiche des Rechts gilt.

00:16:34: Und das leben wir ja heute auch jeden Tag aktiv!

00:16:37: Seit den Kraftsetzung des Grund Gesetzes können wir ganz selbstverständlich entscheiden welchen Beruf wir ausüben oder wo wir wohnen und wie wir unser Leben gestalten möchten.

00:16:44: Niemand schreibt uns vor, was wir denken, wen wir heiraten, woran wir glauben oder in Frage stellen wollen.

00:16:49: Wir sind freiderin unsere Meinung zu sagen – das Grundgesetz schützt uns und unsere Würde!

00:16:55: Ein hohes Gut, dass in vielen Teilen der Welt immer noch nicht selbstverständlich

00:16:58: ist.".

00:16:59: Und es kommt nicht von ungefähr, dass Artikel vier schließlich in den ersten zehn Grundrechten des Grundgesetzes verankert wurde.

00:17:05: Denn auch die Religionsfreiheit war nach der Terrorherrschaft das NS-Regime sein elementar zu sichern des Grundrecht eines jeden Bürgers.

00:17:12: Niemand sollte jemals wieder aufgrund seiner Religion oder Weltanschauung verfolgt werden können.

00:17:17: Jeder Mensch sollte das Recht haben diesen Glauben in Frieden und Sicherheit auszuüben.

00:17:42: Aber es brauchte einige hitzige Debatten und Anläufe bis der Artikel V so lautete wie er heute im Grundgesetz steht.

00:17:48: Noch in der fünften Sitzung des Grundsatzausschusses, am neunzwanzigsten September nineteenhundertachundvierzig war eine wesentlich umfangreichere Fassung als Artikel acht vorgesehen.

00:17:57: Sie lautete?

00:17:58: Absatz eins Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und der Überzeugungen ist unverletzlich!

00:18:06: Absatz zwei Die ungestörte Religionsausübung wird im Rahmen der allgemeinen Gesetze gewährleistet.

00:18:13: Absatz drei Niemand darf gezwungen werden, an einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder religiösen Übungen teilzunehmen.

00:18:22: Oder eine religiose Eidesformel zu benutzen.

00:18:25: Absatz vier.

00:18:27: Niemand ist verpflichtet seine religiöser Überzeugung zur Offenbarung.

00:18:32: Nach der Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft darf nur gefragt werden wenn davon Rechte und Pflichten abhängig oder wenn eine gesetzlich angeordnete statistische Erhebung es erfordert.

00:18:50: Die Debatte über den genauen Wortlaut verlief uneinig und es wurde um jedes Wort gerungen.

00:18:55: So wie sind die Abgeordneten Dr.

00:18:56: Helene Weber von der CDU und ihr Parteikollege Dr.

00:18:59: Herrmann von Mangold darauf hin?

00:19:02: Für ein Gesetz bezüglich der Grundrechte, für eine eingehende Regelung über Religion- und Religionsgesellschaften?

00:19:10: lehnen wir uns an die Vorlage des Redaktionkomitees an!

00:19:14: In Absatz eins möchten wir auch moralische Grundsätze und Überzeugungen einbeziehen

00:19:19: Denn die Beschränkung auf Glaube und Gewissen genügt nicht.

00:19:25: In seiner kritischen Würdigung betonte der Sachverständige des Parlamentarischen Rats, Professor Richard Thomas zu Absatz eins...

00:19:34: Es handelt sich

00:19:35: nicht darum,

00:19:36: die Freiheit des Glaubens

00:19:38: und

00:19:38: der Überzeugung zu

00:19:40: schützen!

00:19:41: Wer

00:19:42: sollte die

00:19:43: antasten können?

00:19:45: Vielmehr ging es eben um die Freiheit das offene Bekenntnis aller Überzeugungen.

00:19:49: Deshalb ist folgende

00:19:50: Fassung des Absatz eins angebracht.

00:19:54: Es besteht unbeschränkte Freiheit des religiösen

00:19:58: und weltanschaulichen

00:20:00: Bekenntnisses.".

00:20:03: Daraufhin formulierte der allgemeine Redaktionsausschuss diesen um, in seiner Fassung vom XVI.

00:20:07: November.

00:20:15: Die Gewährleistung der Glaubens, Gewissens und Bekenntnisfreiheit im Artikel IV des Grundgesetzes führt sehr weit in die deutsche Verfassungs- und Landesgeschichte zurück.

00:20:25: Allem voran die Religionsfreiheit hat historisch eine besondere Bedeutung für Deutschland.

00:20:30: Denn bis zum Beginn des sechzehn Jahrhunderts gab es auf deutschem Gebiet nur eine Kirche – die Katholische!

00:20:35: Durch die Reformation, fünfzehnhundertsebzehn entstanden dann die evangelischen Kirchen.

00:20:39: Doch frei in der Wahl ihres Glauben waren die Menschen dadurch noch lange nicht.

00:20:43: Meistens waren sie gezwungen, die Religion ihrer Landesfürsten anzunehmen.

00:20:46: Doch mit dem Erstarken der evangelischen Kirche führte dies zu erbitterten Glaubenskriegen.

00:20:51: Zwischen sixteenhundetachzehn und sechzehnhundertachtundvierzig führten viele Länder- und Fürstentümer Europas dreißig Jahre lang erbitterte Kriege gegeneinander.

00:21:00: Diese Religionskriege mit vielen Millionen Toten fanden vor allem auf deutschem Gebiet statt.

00:21:05: Erst die gegenseitige Tolerierung konnte die Glaubengriege in der Mitte Europas allmählich

00:21:09: befrieden.

00:21:11: Mit den religionsverfassungsrechtlichen Regeln des westfälischen Friedens von sixteenhundert achtundvierzig wurde das Fundament unserer heutigen Religionsfreiheit geschaffen.

00:21:18: Denn es stellte alle drei Konfessionen wie katholische, die lutarische und die reformierte vor dem Gesetz erstmals vollkommen gleich.

00:21:27: Deshalb dürfen die Menschen also seit etwa dreihundert Jahren auch in Deutschland ihre Religion selbst wählen.

00:21:33: Im Jahr nineteenhundert neunzehn wurden zudem mit der Weimarer Verfassung der ersten demokratischen Verfassung in Deutschland Staat und Religion endgültig voneinander getrennt.

00:22:01: Auch vor diesem historischen Hintergrund war den Mitgliedern des Parlamentarischen Rats bewusst, wie wichtig dieser Artikel für ihre neue Verfassung war.

00:22:10: Dabei hatten viele der Abgeordneten persönlich große Vorbehalte gegenüber Gott und einen Glauben an eine Religion.

00:22:16: Viele hatten ihren eigenen Glaubens über das Erlebte während der NS-Diktatur.

00:22:41: Auch kehren wir erst einmal zurück zu den Arbeiten des Parlamentarischen Rats, und zwar zur vierentzwanzigsten Sitzung des Grundsatzausschusses vom XXIII.

00:22:48: November.

00:22:50: Da wurde die Fassung aus der fünften Sitzungen in all ihren Teilen eingehend behandelt – unter Heranziehung der entsprechenden Bestimmung des UNO-Kommissionsentwurfes der Menschenrechte, der kritischen Würdigung des Sachverständigen Professor Thoma und der Vorschläge des Allgemeinen Redaktionsausschuss

00:23:06: ist.

00:23:07: Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und der Überzeugung ist unverletzlich.

00:23:13: Kam es zu längerer Diskussion über die äußere und innere Religions- und Gewissenzfreiheit – die Forderung einer klaren Trennung dieser beiden Seiten unterstrichte Abgeordnete Dr.

00:23:21: Süsterhen.

00:23:23: Wir gehen zunächst davon aus dass die Freiheit des glaubens, das gewissenes und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses unver letztlich ist!

00:23:34: Hier sind innere Tatbestände gegeben, innere Entscheidungen.

00:23:38: Dazu kommt nur noch das Bekenntnis des religiösen und weltanschaulichen Glaubens.

00:23:43: Schließlich kommt die Religionsausübung dazu, sie ist mehr als bloßes Bekenntniss sondern drückt sich in Kulthandlungen Liturgie usw.

00:23:53: aus und wirkt auf diese Weise in den öffentlichen Raum hinein.

00:23:59: Allgemein wurde betont, dass auch die innere Seite der Gewissensfreiheit im Wortlaut zu berücksichtigen sei.

00:24:04: Nach verschiedensten Vorschlägen einigte man sich auf folgende Formulierungen des Abgeordneten Dr.

00:24:08: von Mangold

00:24:09: Die Freiheit des Glaubens und des GewissENS wie die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

00:24:21: Bei Absatz zwei

00:24:22: Die ungestörte Religionsausübung wird im Rahmen der allgemeinen Gesetze gewährleistet

00:24:28: forderte die CDU-CSU-Fraktion die Streichung der beschränkenden Worte im Rahmen der allgemeinen Gesetze.

00:24:35: Dazu führte der CDU-Abgeordnete Dr.

00:24:37: Süsterhen

00:24:48: aus, dass das Grundrecht der persönlichen Freiheit nur gilt, soweit es nicht rechte andere verletzt.

00:25:00: Soweit ist nicht die verfassungsmäßige Ordnung des Gemeinwesens oder das Sittengesetz beeinträchtigt.

00:25:07: Damit sind schon die Schranken gegen ein Missbrauch einer Berufung auf ungestörte Religionsausübung

00:25:13: gegeben.".

00:25:16: Aber Dr.

00:25:17: von Mangold hatte Bedenken gegen die Streichung des Gesetzesvorbehalts in Abs.

00:25:20: II da dann...

00:25:21: Eine Auslegung möglich wird, dass jedes Gesetz, das die Religionsausübung irgendwie einschränkt in soweit verfassungswidrig wird.

00:25:30: Dr.

00:25:31: Süsterhen sah eine Beschränkung der Religionsausübung zum Beispiel durch Prozessionen, durch Seuchen oder baupolizeiliche Vorschriften auch bei Streichung des Gesetzesvorbehalt als möglich an.

00:25:40: Weil die Freiheit der Religionsausübungen also etwa die Durchführung einer Prozission nach Artikel zwei nur im Rahmen der verfasslungsmäßigen Ordnung möglich ist?

00:25:52: Die Religionsausübung

00:25:53: nach Artikel vier entspricht doch eindeutig der Lex-Spezialis.

00:25:58: Einem Sondergesetz

00:25:59: Im Gegensatz zu einem Lex Generales, einem Allgemeinengesetz des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.

00:26:05: Daher gelten nach meiner Auffassung für Artikel V die allgemeinen Bestimmung und des Artikels II nicht.

00:26:12: Am Ende sprach sich die Mehrheit des Grundsatzausschusses Für die Streichung des Gesetzesvorbehalts in Absatz II aus

00:26:18: Gegen den Vorschlag des Abgeordneten Dr.

00:26:20: Mangold

00:26:21: Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgemeinschaften hierzuregeln.

00:26:26: Gab es keine Einwände?

00:26:28: Auf Anregungen des Abgeordneten Dr.

00:26:29: Bergstresser wählte man schließlich eine Formulierung, die sich an die entsprechende Bestimmung der hessischen Verfassung anlehnte und als Satz II in Absatz I eingefügt wurde.

00:26:38: So ergab sich für nun Artikel sieben folgende Fassung.

00:26:43: Die Freiheit des Glaubens und des Gewissens, wie die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

00:26:52: Das Recht der Vereinigung zu Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften wird anerkannt.

00:26:58: Absatz zwei – die ungestürte Religionsausübung wird gewährleistet.

00:27:04: Absatz drei – niemand darf gehindert oder gezwungen werden an einer kirchlichen Handlung oder an religiösen Übungen teilzunehmen, oder eine religiose Eidesformel zu benutzen.

00:27:19: Absatz IV Niemand ist verpflichtet, seine religiöser Überzeugung zu offenbaren.

00:27:25: Nach der Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft darf gefragt werden, wenn davon Rechte und Pflichten abhängen oder wenn eine gesetzlich angeordnete statistische Erhebung es erfordert.

00:27:53: Es wurde also um jedes Wort gerungen und gestrippen, Länder gegen Bundeshoheit abgewogen und schließlich der Text neu formuliert.

00:28:00: Und wofür das Ganze?

00:28:02: Es stellt sich doch die Frage ist Religion heute nicht längst zum Auslaufmodell geworden und wurde somit der Artikel vier des Grundgesetzes nicht mit der Zeit überflüssig?

00:28:11: Auf den ersten Blick scheint es fast so betrachtet man nur mal die stetig schrumpfenden Mitgliederzahlen der großen christlichen Glaubensgemeinden.

00:28:18: Haben ihre spirituellen Antworten auf die großen Fragen des Lebens ausgedient?

00:28:22: Noch in vormoderen Gesellschaften war das ganz anders.

00:28:25: Traditionell war sie neben der politischen Macht maßgebliche geistige Autorität der Gesellschaft, über weite Strecken herrschten weltlich Regierung...

00:28:33: ...die Krone

00:28:34: und spirituelle Regierung….

00:28:35: …das Zepter

00:28:36: geeint über die Gesellschaft.

00:28:38: Zudem beherrschte die Religion für lange Zeit die Lebensweise der Menschen

00:28:42: War sie es doch, die den Menschen vorschrieb wie Sie zu leben hatten oder doch zumindest leben sollten?

00:28:47: Wenn sie sich die Aussicht auf das Paradies im Jenseits erhalten wollten.

00:28:50: Religion diktierte also die Werte – sie bestimmte die kirchliche Milieubindung und schrieb den richtigen Lebenswandel vor.

00:29:06: Diese Einheit brockerte zusehends mit dem Anbruch der Moderne.

00:29:10: Die meisten Religionen, allen voran Protestantismus, Katholizismus, Judentumor der Islam standen von jeher mit der Moderne auf Kriegsfuß.

00:29:18: Doch Säkularisierung und die Entzauberung der Welt wie es einst Max Weber Treffen formulierte schritten unaufhaltsam voran.

00:29:25: Religion wurde in diesem Prozess als umfassende Lebensführungsmacht von anderen System abgelöst

00:29:31: Der Wirtschaft etwa, allem voran der Kapitalismus.

00:29:34: Erstmals war es auch bürgerlichen Schichten möglich, mittels privaten Allgentum aus Produktionsmitteln eine Gewinnmaximierung zu erwirtschaften und so zur Wohlstand- und Machtzugelangen.

00:29:43: Ein Privileg das bis dato nur dem Adel vorbehalten

00:29:45: war.

00:29:47: Neue gesellschaftspolitische Entwicklungen lösten die Bedeutung der traditionellen Religionsordnung ebenfalls auf.

00:29:52: Nach der französischen Revolution konnten die Menschen von einer Demokratie und damit erstmals von einem freierer und selbstbestimmteren Leben träumen – und dafür offensiv kämpfen!

00:30:04: Doch vor allem die rasante Entwicklung und die damit einhergehenden Erkenntnisse und Errungenschaften der Wissenschaft waren wohl der größte Gegner eines klassischen Religionsverständnisses.

00:30:12: Von nun an herrschte Wissen statt Glauben.

00:30:18: Eine aufkommende, sekuläre Bildung und Erziehung ja der Einfluss der Kultur generell tat mir übrig ist.

00:30:24: Der Individualismus, der nicht religiös sondern weltlich begründet ist wurde allgegenwärtig.

00:30:29: Angesichts der vielfältigen irdischen Paradiese, die im Diesseits lockten, verblasste der damals feste Glauben ans Paradies im heraufbeschworenen Jenseits Zusehens.

00:30:38: Kein Wunder also dass sich die Religionen, die heute in modernen Gesellschaften vertreten sind, im Verlauf der Evolution weiterentwickelt haben.

00:30:45: Besteht eine Wechselwirkung zwischen Religion und Gesellschaft?

00:30:49: Schaffen wir uns die Religion, die wir brauchen?

00:31:02: Spürbar ist eine Pluralisierung der Religionen in den westlichen Gesellschaften zu beobachten.

00:31:07: So hat sich eine wachsende Öffnung für nicht-christliche Religionen, wie zum Beispiel eine Hinwendung zu Buddhismus oder Hinduismus entwickelt.

00:31:14: Zudem erhalten außerkirchliche Formen neureligöser Gemeinschaften oder eine losgelöste Spiritualität im Sinne des New Age und andere esoterische Bewegungen deutlich an Zulauf.

00:31:23: Seit Jahren ist eine religiöse Individualisierung zu bemerken – ein Glauben ohne Zugehörigkeit etabliert sich hierbei als neuartiges Phänomen.

00:31:32: Der moderne Mensch baut sich seine ganz persönliche Glaubenswelt, verknüpft etwa alte christliche Vorstellungen mit symbolen und kultischen Praktiken anderer Religionen oder Weltanschauung.

00:31:41: Diese Kombination grundverschiedener Sinnelemente wird bricolage französisch für Bastelarbeit genannt.

00:31:48: Dabei kann alles Mögliche religiös aufgeladen werden.

00:31:55: Manche prädigten Gesundheit als höchstes Gut und sehen in einer restruktiven Ernährungsform wie über dem Veganismus eine religiöse Notwendigkeit.

00:32:04: So kann schon ein Bio-Brot zur Heiligen Speise werden.

00:32:09: Oder aber, wenn sich Fußballfans in ewiger Treue zu ihrem Verein ihre gesamte Lebensplanung nach dem Spielplan ausrichten?

00:32:15: Dass Vereins im Leben auf die Körper tätowieren lassen und bei einem Abstieg in eine niedrigere Liga offensiv mitleiden, regelrechts Schmerzen verspüren – dann hat auch dies religiöse Andentungen!

00:32:27: Im zwanzigsten Jahrhundert vertraten viele Soziologen die Säkularisierungsthese.

00:32:32: Sie ging davon aus, dass in modernen Gesellschaften religiöser Glaube immer schwächer werden würde – an kulturellem und politischem Gewicht verliern und sie schlussendlich säkularisieren, also verwältlichen

00:32:42: würde.".

00:32:43: Die Bedeutung der Religion hat aber nicht abgenommen im Gegenteil!

00:32:47: Anders als die Mütter und Väter des Grundgesetzes vermuten konnten, hat sich das Verständnis und Verhältnis zur Religion in unserer Gesellschaft verschoben.

00:32:54: In den vergangenen drei Jahrzehnten hat Religion sogar neue kulturelle Bedeutung gewonnen.

00:32:59: Es stimmt schon, gerade in Europa hat sich eine stetig wachsende Zahl von Atheisten, Agnostikern und Glaubensfernen von den traditionellen Glaubenkonzepten abgewandt.

00:33:08: Ja umso überraschender dass Religion jenseits unseres Kontinents nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt hat!

00:33:13: Der überwiegende Anteil der Menschen ist tief gläubig.

00:33:16: Das liegt auch daran das unsere Zeit von schnellem religiösem Wandel vielfältigen missionarischen Bewegungen und wachsenen Religionskonflikten bestimmt wird Und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

00:33:26: Schon aus demografischen Gründen wird Religion weiter an Gewicht gewinnen,

00:33:31: denn die besonders Frommen zeugen in allen Weltheilen und in allen Religionen mehr Kinder als andere.

00:33:36: Dabei wachsen neue Formen des Christentums mindestens ebenso stark wieder Islam.

00:33:40: Außerdem gewinnt Religion durch die stetig zunehmende Migration auch hier bei uns neue Bedeutung.

00:33:46: Seit jeher haben Menschen ihre Heimat verlassen – sei es freiwillig oder aufgrund von Krieg, Versklavung oder Hungersnot.

00:33:52: Nie zuvor jedoch hat es vergleichbar viele Migranten begeben wie heute.

00:33:56: Ca.

00:33:56: zweihundert Millionen Menschen leben dauerhaft in für sie fremden Ländern.

00:34:00: Auszuwandern ist riskant, nicht selten bricht man in eine ungewisse Zukunft auf.

00:34:04: Kein Wunder dass man sich auf diesen beschwerlichen Wegen die eigene Religion besinnt!

00:34:08: Der eigene Gott sorgt im neuen oft feindlichen Umgebung für Identität und bietet Trost.

00:34:14: Manch einer wird überhaupt erst durch Migration formen Denn Religion ermöglicht es eine Bindung mit der zurückgelassenen Heimat zu erhalten.

00:34:21: Mehr und mehr Menschen gehen jedoch weit darüber hinaus.

00:34:23: Sie führen ihr Leben streng nach dem Willen und Regeln ihres Glaubens, Gottes Gesetz wird zu bestimmten Normen der eigenen Lebensweise erhoben.

00:34:31: Das gilt genauso für amerikanische Evangelikale wie für radikal-antivestliche Islamisten oder streng orthodoxe Juden.

00:34:38: Diese streng binden in Glaubengemeinschaften wachsen seit einigen Jahrzehnten rapide.

00:34:42: Durch die Vielfalt der Lebensweisen wird der Siegeszug der unterschiedlichen fundamentalistischen Strömungen sogar bestärkt Denn genau diese pluralistischen Merkmale der Moderne wirken relativierend und erzeugen Unübersichtlichkeit.

00:34:53: Fundamentalismen hingegen bieten vermeintlich gefestigte Gewissheiten, von ihren Anhängern fordern diese viel – sie bieten aber auch scheinbar

00:35:00: viel!

00:35:10: Das ändert nichts an den unausweichlichen Konflikten innerhalb unserer Gesellschaft.

00:35:14: Tagtäglich begegnen etwa in ethischen Fragen zu einer richtigen Haltung gegenüber der Emanzipation, der Genetik über den rechtlichen Status gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft oder gegenüber der rasant wachsenden Biomacht- oder Biopolitik.

00:35:26: Also Machttechniken zur Steuerung einer Bevölkerung bei Themen wie Fortpflanzung oder Geburtenraten beziehungsweise die politische Tragweite zur Entscheidung bei zum Beispiel Eingriff im Ingenmaterial beim Menschen.

00:35:36: Während die einen in ihrer Haltung klar ablehnt zu diesen Themen stehen und ihre Standpunkte als heilige Werte begreifen, verstehen andere diese als längst überwunden.

00:35:44: Und leben diese Prinzipien auch selbstverständlich offen aus?

00:35:47: Wir erleben alltägliche Kulturkämpfe über die Regeln des Zusammenlebens – so wie es ausschaut werden sie sich noch weiter verschärfen!

00:35:55: Umso wichtiger also dass wir ein Grundgesetz mit unserem Artikel IV haben das uns in der einen wie in der anderen Weise schützt und eine gesetzliche Richtlinie bietet.

00:36:03: Natürlich hat er nicht direkt etwas mit einer fanatischen Körperkultur, einer ethischen Haltung gegenüber Tieren oder einem intensiv ausgelebten Phantom zu tun.

00:36:11: Vielmehr schafft der einen gedanklichen Freiraum in dem sich ein offenes und tolerantes Mindset entwickeln kann.

00:36:16: Und das führt dazu dass Menschen frei und ohne Einschränkungen an etwas sei es Sport, Essen oder auch einen Gott glauben oder eben nicht glauben können.

00:36:25: Somit sorgt dieser Artikel IV mehr denn jeder für, dass wir friedlich miteinander leben können und in unserer Gesellschaft ein offener Dialog über diese neuen Fragestellungen möglich bleibt.

00:36:39: Von diesen komplexen Anforderungen vor denen der spätere Artikel V künftig stehen sollte, ahnten die Mütter- und Väter des Grundgesetzes bei seiner Entstehung noch nichts.

00:36:47: Doch da sie wohl um die Tragweite ihrer Arbeit wussten, feierten sie unermüdlich in weiteren Sitzungen an den Formulierungen der einzelnen Artikel.

00:36:55: In der sechstundzwanzigsten Sitzung des Grundsatzausschusses vom dreißigsten November nineteen vierzig machte der Abgeordnete Hermann von Mangold darauf aufmerksam, dass von kirchlicher Seite der Wunsch geäußert worden sei den Absatz zwei wie folgt zu formulieren.

00:37:08: Die ungestörte öffentliche und private Religionsausübung wird gewährleistet.

00:37:15: Eine entsprechende Änderung wurde jedoch nicht für erforderlich gehalten und es war unbestritten das die ungestöhrte Religionsausübung sich sowohl auf die Öffentliche als auch auf die private Religionen aus Übungen beziehe.

00:37:26: Die SPD-Abgeordnete Friederike Nadig beantragte die Behandlung eines Antrags der SPD-Fraktion auf Aufnahme folgender Bestimmung über die Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen.

00:37:38: Die

00:37:42: Diskussion bewegte sich um die Frage, in welchen Artikel des Grundgesetzes eine solche Bestimmung eingeordnet werden könnte.

00:37:48: Der Grundsatzausschuss entschloss sich schließlich folgende Formulierung des Vorsitzenden Dr.

00:37:52: von Mangold unter der Bezeichnung Antrag der SPD-Fraktion als Absatz V dem nun Artikel IV anzufügen.

00:37:59: Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden – das Nähere bestimmt ein Gesetz!

00:38:07: In der ersten Lesung des Hauptausschusses, der siebzehnten Sitzung vom dritten Dezember, wurde die Fassung des Grundsatzausschuss angenommen.

00:38:15: Einschließlich des von der SPD-Fraktion beantragten Absatz fünf.

00:38:28: Für

00:38:36: Absatz fünf, also den vor zweieinhalb Monaten von Friederike Nadig eingereichten Passus zur Wehrpflicht beantragte der FDP-Abgeordnete Dr.

00:38:43: Theodor Heuss die Streichung und gab dafür folgende Begründungen unter ausdrücklicher Verwahrung dagegen dass er von militärischen oder antipazifistischen Gesichtspunkten ausgehe.

00:38:53: Ich glaube für meine Meinung das dieser Absatz gestrichen werden muss spricht so etwas wie ein historisches Stilgefühl.

00:39:05: Wir sind nämlich jetzt dabei, ein Werk der Demokratie zu schaffen.

00:39:10: Die allgemeine Wehrpflicht ist das legitime Kind der Demokraties.

00:39:15: seine Wiege stand in Frankreich.

00:39:19: Mir scheint es unmöglich zu sein dass wir in diesem Augenblick in welchen wir eine neue Fundamentierung des Staates vornehmen wollen auch wenn ich mir durchaus darüber klar bin dass wir kein Militär mehr im alten Sinne bekommen werden.

00:39:35: Ich will das auch nicht, dass wir in dieser Situation nun mit einer solchen Deklaration kommen.

00:39:45: Aber wenn wir jetzt hier einfach das Gewissen einsetzen, werden wir im Ernstfall einen Massenverschleiß des Gewissens verfassungsmäßig festlegen.

00:39:59: Denn mit diesem Wort allein ist das Problem nicht gedeckt.

00:40:05: Was mir in der jetzigen Situation noch besonders ungeschickt erscheint, ist dass der Kriegsdienst mit der Waffe von dem anderen abgetrennt wird.

00:40:16: Mir scheint wenn jemand mit einer Knarre irgendwo zur Bewachung von irgendeinem Gegenstand steht oder zu Verteidigungszwecken herangeholt wird Ist das lange nicht so militärisch, dass wenn jemand mit hohem Akkordlohn eine Bombe nach der anderen fabriziert?

00:40:38: Also keine Waffe trägt.

00:40:42: Aber kriegspolitisch

00:40:43: viel

00:40:44: schlimmere Dinge tut!

00:40:48: Ich bin also der Meinung... ...dass wir diesen Satz herausnehmen

00:40:52: sollten.".

00:40:54: Der SPD-Abgeordnete Dr.

00:40:56: Carlo Schmidt konnterte daraufhin.

00:40:58: Es handelt sich hier nicht darum, im Kriegsfalle jemandem ein Recht zu geben, sich vor dem Tod geschossen werden zu bewahren.

00:41:04: Im modernen Krieg sind überhaupt Gefahren auf Kompatanten und Nichtkompatanten gleichmäßig verteilt.

00:41:12: Es handel sich vielmehr darum, dass jemand, der es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann auch im Falle eines Krieges einen anderen zu töten die Möglichkeit haben soll zu sagen Ich will in dieser Not meines Vaterlandes meinen Dienst auf andere Weise tun können als auf diese Weise.

00:41:31: Dafür sollten wir die rechtliche Möglichkeit

00:41:33: schaffen.".

00:41:37: SPD-Abgeordneter Dr.

00:41:38: Fritz Eberhardt gab zu bedenken?

00:41:42: Der

00:41:58: Streichungsantrag des Abgeordneten Dr.

00:42:00: Heuss wurde mit fünfzehn gegen zwei Stimmen

00:42:02: abgelehnt.".

00:42:07: So entstand nach langem Ring der Wortlaut von Artikel vier des Grundgesetzes, wie wir ihn heute noch kennen...

00:42:13: Auch nach über siebzig Jahren haben weder unser Grundgesetz noch Artikel IV an ihre Bedeutung für unser tägliches Leben in Deutschland eingebüßt.

00:42:20: Sie ermöglichen uns ein friedliches Leben in einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft.

00:42:24: Dank der Beharlichkeit und Weizsicht der Mütter- und Väter des Grundgesetzes sind unsere Grundrechte stets geschützt Und es ist uns gewährleistet als freie Menschen in Würde leben zu können.

00:42:34: Jeder kann selbst entscheiden ob und inwiefern er oder sie ihren Glauben leben möchte Oder sich für ein religionsfreies Leben entscheidet.

00:42:47: Artikel vier.

00:42:47: Glaubens, Gewissens und Bekenntnisfreiheit Absatz eins Die Freiheit des Glauben, des Gewisses und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

00:43:00: Absatz zwei Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

00:43:07: Absatz drei Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.

00:43:13: Das Nähere regelt ein Bundesgesetz Das Grundgesetz in elf Geschichten.

00:43:22: Eine Idee von Josef Ulbich.

00:43:26: Artikel vier, die Beschränkung auf Glaube und Gewissen

00:43:29: genügt nicht.

00:43:32: Es sprachen Eva Schulz und Florentin Will

00:43:36: So wie Elmar Gutmann Hansa Chippjonka Bert Franzke Stefan Gosler Axel Lutter

00:43:43: Santiago Cisma Luise Helm Milton Welch Gregor Höppner Jürgen Kluckert

00:43:49: Roman Roth

00:43:50: Assort Schwarz im Sessilamba, Gabriele Blum, Johannes Klausner, Michael Yvonnek und Herbert Prattl.

00:43:59: Intro & Credits Maya Manero Und

00:44:02: Karsten Wilhelm

00:44:04: Geschrieben von Viviane Koppelmann.

00:44:07: Aufnahme-Leitung Nina Steiger Aufnahme Max Mirke Satz und Sounddesign Robert Lennart

00:44:15: Mischung

00:44:16: Valentin Rövenstrunk

00:44:18: Regie

00:44:18: Josef Ulbich

00:44:20: Produzent Fajo, Tristan Lieman.

00:44:23: Gesamtleitung Fajo Luca Hirschfeld und Tristan Liemann.

00:44:27: Artikel X das Grundgesetz in elf Geschichten ist ein Fajo

00:44:31: Original

00:44:32: von Das Hörspielstudio Kreuzberg.

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